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AOK Bayern: „Wir sollten das in Vielfalt probieren“

Die Vorstandsvorsitzende der AOK Bayern, Dr. Irmgard Stippler, über die Versorgungssituation und Herausforderungen im Land, die Erwartungen an die Politik und die AOK Bayern als Arbeitgeber.

Frau Dr. Stippler, bei der Krankenhausreform herrscht zwischen Bund und Ländern derzeit Konfrontation. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach geht dennoch weiterhin davon aus, dass eine Reform Anfang 2025 greifen wird. Wie dringend ist eine Krankenhausreform für Bayern?

Dr. Irmgard Stippler: Für Bayern ist die Reform genauso dringend wie für alle anderen Bundesländer. Denn wir haben einen bereits laufenden Strukturwandel: Die Zahl der Krankenhausbehandlungen liegt im Schnitt 15 Prozent unter dem Niveau der Vor-Corona-Zeit. Es besteht der Wille zu einer verstärkten Ambulantisierung von Leistungen. Und es wird für die Kliniken immer schwieriger, offene Stellen zu besetzen. Wir brauchen aber einen gestalteten Strukturwandel, keinen kalten. Dazu sind dringend neue Rahmenbedingungen erforderlich. Wir brauchen eine Reform aber auch, weil die Finanzierung nicht mehr gesichert ist. Zwar ist die Investitionsfinanzierung in Bayern sicherlich höher als in anderen Bundesländern, doch zusätzlich zum Rückgang der Fallzahlen sind die Corona-Hilfen sowie Energie-, Wärme- und Strompauschalen ausgelaufen. Das trifft die Kliniken. Daher sind die Krankenkassen in Bayern bei der Festlegung des Landesbasisfallwerts an die Grenzen ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit gegangen, um die Häuser zu stabilisieren. Das löst jedoch nicht die Strukturprobleme. Die Träger brauchen dringend Planungssicherheit. Daher ist es für die Krankenhausreform bereits fünf nach zwölf.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft rechnet mit weiteren Klinikinsolvenzen. Wie sieht die Lage in Bayern aus?

Stippler: Auch in Bayern ist die Lage angespannt, wir sehen Insolvenzen in Eigenregie. Wir sind mit den Häusern auch in Gesprächen. Angesichts der sinkenden Zahl an Behandlungsfällen wird das Thema ja größer und nicht kleiner und folglich eine Strukturreform dringender. Das heißt auch, Häusern als integrierte Gesundheitszentren eine neue Perspektive zu geben. Auch für die Menschen vor Ort: Denn das Krankenhaus steht für Versorgungssicherheit. Politik, Kliniken und Krankenhäuser müssen erklären, was Versorgungssicherheit für die Zukunft bedeutet: gute Primärversorgung vor Ort, neue sektorenunabhängige Versorgungszentren und gestufte Krankenhausversorgung, die miteinander gut vernetzt sind und zusammenarbeiten.

Sind denn schon Standorte weggefallen?

Stippler: In Bayern im Großen und Ganzen noch nicht.

Was sind die drängendsten Probleme in der flächendeckenden Versorgung in Bayern?

Stippler: Im Krankenhausbereich haben wir seit langem kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Wenn wir es ernst meinen, dass wir Menschen in allen Lebenslagen ihre Gesundheit betreffend begleiten wollen, dann müssen wir versicherten- und patientenzentriert Versorgungspfade entwickeln und klären, an welchen Kontaktpunkten wer welche Zuständigkeiten hat. Das beginnt mit der Prävention, die für alle Generationen wichtig ist, setzt sich über die Versorgung im Krankheitsfall fort und schließt die Pflege mit ein. Im ambulanten Bereich jedoch müssen alle Beteiligten noch entwickeln, was Transformation bedeutet. Hier ist die Frage wichtig: Wie sieht eine gute und wohnortnahe Primärversorgung aus? Es geht also um ärztliche Versorgung, erweitert um pflegerische Versorgung, um Prävention und auch um die künftige Arbeitsteilung. Darüber müssen wir mit allen Beteiligten weiter intensiv sprechen, einschließlich der Kommunen. Das geht nicht über Insellösungen, sondern dafür ist ein Rahmen notwendig, der eine regional unterschiedliche Gestaltung ermöglicht.

Wie muss ein solcher Rahmen aussehen?

Stippler: Entscheidend ist, dass wir die Mauern zwischen den Sektoren endlich einreißen. Mit dieser Trennung in ambulant und stationär sind wir in Deutschland einzigartig. Wir müssen Prozesse sowohl im Sinne der Versicherten als auch der Patientinnen und Patienten über diese Bereiche hinweg gestalten und auch die Pflege einbeziehen. Dazu brauchen wir schnellstens die entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen. Denn an dieser Sektorengrenze scheitern auf regionaler Ebene immer wieder Ansätze, Prozesse besser am Bedarf der Menschen vor Ort auszurichten. Nehmen Sie nur das Beispiel, dass ältere Menschen aus dem Krankenhaus entlassen werden und vorübergehend eine besondere Pflegesituation haben. Hier scheitern Ideen und Konzepte unter anderem auch an Sektoren- und Finanzierungsgrenzen. Wir müssen also Geld in die Hand nehmen, um akute Versorgungsprobleme zu lösen. Dazu reicht es nicht, auf Bundesebene in Modellprojekten Detailregelungen als eine Art Blaupause zu entwickeln. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Und innerhalb dieses Rahmens wird vor Ort experimentiert.

Was müsste an der Planung geändert werden, die ebenfalls getrennt nach den Sektoren erfolgt?

Stippler: Wenn wir eine verstärkte Ambulantisierung wollen, müssen dafür auch die entsprechenden Angebote geschaffen werden. Diese können je nach Region aus dem ambulanten Bereich oder dem stationären Sektor kommen. Letztlich ist dazu eine sektorenübergreifende Bedarfsplanung erforderlich, also nicht mehr jeweils die ambulante Bedarfsplanung durch die Kassenärztlichen Vereinigungen, die stationäre Planung der Länder und in der Pflege der Sicherstellungsauftrag der Kassen für die Versicherten sowie der Kommunen für die Infrastruktur. Hier arbeiten wir zwar bereits eng zusammen. Aber eine sektorenübergreifende Bedarfsplanung muss mittelfristig möglich werden.

Sehen Sie denn Chancen, dass dies in dieser Legislaturperiode noch kommt?

Stippler: Angesichts der nur noch geringen Zeit bis zur nächsten Bundestagswahl bin ich skeptisch, welche der Gesetzesvorhaben überhaupt noch umgesetzt werden. Gleichzeitig appelliere ich, ein Stück weiter die Mauern zwischen den Sektoren einzureißen, um gemeinsam mit den Leistungserbringern vor Ort die Versorgung sichern zu können. Das muss gelingen. Denn wir werden uns mit diesen Themen auseinandersetzen müssen, unabhängig davon, ob beziehungsweise wie eine Krankenhausreform kommt oder nicht.

Was kann die AOK Bayern dazu beitragen, die Auswirkungen des Fachkräftemangels abzumildern?

Stippler: Das geht im Grunde ja nur höchst indirekt. Ich nehme mal das Beispiel Pflege. Derzeit werden 80 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause gepflegt. Aber das ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Künftig wird die Zahl jener, die pflegebedürftig werden, wachen und gleichzeitig die Zahl der Pflegenden sinken. Hier spielt die Prävention eine große Rolle für ältere Menschen und die pflegenden Angehörigen. Wir müssen mit unseren Angeboten die Gesundheitskompetenz insgesamt stärken und dem viel mehr Aufmerksamkeit schenken. Das beginnt im Kindesalter, setzt sich im Arbeitsleben bis hin zum Ruhestand fort. Eine zweite wichtige Säule ist, gemeinsam mit den Kommunen niedrigschwellige Angebote zu entwickeln, um die Gesundheitskompetenz der Menschen in ihren Lebenswelten zu fördern und so klassischen Volkskrankheiten und Pflegebedürftigkeit vorzubeugen. In allen Bereichen der Prävention sowie der medizinischen Versorgung und der Pflege geht es auch darum, die Chancen der Digitalisierung jetzt umfassend zu nutzen. Etwa wenn Ärzte ihre chronisch kranken Patienten darüber enger begleiten. Dazu gehören auch unsere digitalen Angebote wie zum Beispiel der Online-Doktor, mit denen Versicherte bei Verdacht auf Hauterkrankungen per Smartphone eine Erstdiagnose unkompliziert einholen können. Natürlich unterstützen wir auch alle Initiativen in Bayern, die über neue Formen der Arbeitsteilung und Entbürokratisierung Fachkräfte von unnötigen Arbeiten entlasten. Wir sollten uns nur von der Vorstellung verabschieden, dass all diese Möglichkeiten einheitlich planbar und gestaltbar wären. Wir sollten das in Vielfalt probieren.

Gibt es in der Digitalisierung die eine große Herausforderung, die als nächstes angegangen werden müsste?

Stippler: Wir haben mit der elektronischen Patientenakte, der ePA, und der Telematik-Infrastruktur einen längst überfälligen Meilenstein erreicht. Das Entscheidende wird jetzt sein, dass wir wegkommen von dem, unter dem wir 20 Jahre lang gelitten haben, den Insellösungen. Wir müssen alle miteinander lernen, die ePA und die Telematik-Infrastruktur zu nutzen, um die Versorgung digital zu unterstützen, zu standardisieren und skalieren. Das eine ist, technisch startbereit zu sein. Die andere große Aufgabe ist es jetzt, alle und alles gut zu vernetzen, in die Routine zu bringen und bei allen Beteiligten Vertrauen zu schaffen. Wir müssen jetzt miteinander in neue Formen der Zusammenarbeit kommen. Das bedeutet, dass wir alle umlernen müssen. Die unterschiedlichen Prozesse, auch mit Arztpraxen und Apotheken müssen neu aufeinander abgestimmt werden und wir müssen gemeinsam die Versicherten gut mitnehmen. Auch die Industrie muss in die Pflicht genommen werden. Denn es kann zum Beispiel nicht sein, dass wir mit der ePA-Version 2.x arbeiten und die Hersteller der Praxisverwaltungs-Software mit der Version 1.x. Wir freuen uns, in der neuen TI-Modellregion Franken miteinander Erfahrungen sammeln, wie Prozesse für weitere Funktionalitäten der ePA gestaltet werden müssen.

Wie stellt sich die AOK Bayern auf, um für junge Menschen als Arbeitgeber interessant zu sein?

Stippler: Die AOK Bayern ist inzwischen digital und lokal aufgestellt. Das heißt jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter entscheidet selbst, an welchem Standort er oder sie arbeiten möchte, egal zu welcher Unternehmenseinheit sie gehören. Ich kann also wohnortnah arbeiten und habe zugleich alle Entwicklungschancen im Unternehmen. Das ist unser lokal-digitales Geschäftsmodell: lokal verwurzelt und digital vernetzt. Das gilt nach innen für die Beschäftigten und nach außen für die Versicherten und Arbeitgeber. Damit sind wir in Ballungszentren nicht mehr darauf angewiesen, vor Ort alle Fachkräfte zu finden. Das ist ein Vorteil aus Unternehmenssicht. Hinzu kommen die Vorteile für die Beschäftigten. Wir können zum Beispiel auf diese Weise jungen Menschen, die in ihrer Region verwurzelt sind und auf dem Land bleiben wollen, als ein sicherer und vielfältiger Arbeitgeber im Grunde alle Entwicklungsangebote im Unternehmen machen. Und die werden auch genutzt. Und bei uns sind auch Führungspositionen in Teilzeit möglich. Daher haben wir noch keine Nachwuchsprobleme. Zugleich sind unsere über 200 Standorte für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Orte der Begegnung und des Miteinanders. Dazu dienen Standorttreffen, Betriebsfeiern und -ausflüge. Und für die jungen Menschen ist auch unser neues Bildungszentrum in Hersbruck wichtiger Anlaufpunkt. Hier bieten wir die Räume, gemeinsam zu lernen und Freundschaften fürs Leben zu schließen. Das wissen die jungen Menschen auch zu schätzen.