ORIENTIERUNG IM SYSTEM – Die Chancen des SGB V nutzen
Steigende Ausgaben und wachsende gesundheitliche Bedürfnisse erfordern eine bessere Orientierung der Patienten im System. Das Land Sachsen-Anhalt zeigt, wie Krankenkassen Versorgung gezielt weiter- entwickeln können.
Der ungebrochenen Ausgabendyna- mik für die Gesundheitsversorgung in Deutschland steht eine Reihe politischer Reformvorhaben gegenüber, welche unter anderem die Zugänge zur Notfall- aber auch zur ambulanten Versorgung besser kanalisieren wollen.
Starten statt Warten
Es ist unbestritten: Die demografische Entwicklung und die (Über-)Inanspruch- nahme medizinischer Versorgung vor Ort, sowie der medizinische Fortschritt machen Priorisierungen und auch die verstärkte Nutzung digitaler Angebote notwendiger denn je. Gleichzeitig fehlt es bislang nicht nur an einer die Dysba- lance zwischen Einnahmen und Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen beseiti- genden Reform, sondern auch an einer Public Health Strategie, welche durch gemeinsame Präventionsmaßnahmen langfristig das Gesundheitssystem ent- lasten könnte. Wenngleich deshalb an vielen Stellen der Gesetzgeber weiter stark gefordert ist, gibt es bereits Mög- lichkeiten für gesetzliche Krankenkassen, die Bedarfe der Versicherten besser als bislang zu adressieren und gleichzeitig langfristig der Ausgabendynamik zu begegnen. Hierzu gilt es die von Ver- sicherten nachgefragten „Lotsenrolle“ im Gesundheitssystem stärker von gesetzlichen Krankenkassen anzunehmen.
Eine aktive Versichertenansprache, eine Steigerung der Gesundheitskompetenz, sektorübergreifende Versorgungsansätze und nicht zuletzt das Herstellen einer Symbiose aus analoger Versorgung vor Ort und digitalen Möglichkeiten, sind Treiber dieses Rollenverständnisses.
„Sachsen-Anhalt ist Modellregion dafür, wie Versorgung und Prävention künftig gelingen können.“
Blick nach Sachsen-Anhalt – eine Modellregion
Sachsen-Anhalt als das Bundesland mit der „ältesten Bevölkerung“ ist im besonderen Maße auf innovative Versorgungslösungen angewiesen. Das Bundesland wird auf Grund seiner demografischen Entwicklung häufig als Modellregion für erwartete Entwicklungen in Europa genannt. Po- sitiv formuliert: In Sachsen-Anhalt wird sichtbar sein, wie gesundheitliche und pflegerische Versorgung sowie Präven- tionsstrategien gelingen können.
Im Hier und Jetzt führt allerdings eine Vielzahl der bekannten Risikofaktoren zur bundesweit niedrigsten Lebenserwartung und bei vielen Krankheitsbildern zu un- rühmlichen „Spitzenplatzierungen“ im AOK Gesundheitsatlas. Stoffwechsel-Erkrankun- gen, Muskel-Skelett-Erkrankungen und insbesondere Herz-Kreislauferkrankungen: Die Bevölkerung Sachsen-Anhalts ist in besonderem Maße betroffen. Plakativ bringt die Konsequenz dieser Krankheits- häufigkeit ein in den Medien gern zitierter Vergleich auf den Punkt: „Männer leben im Südwesten länger als im Osten“ titelte das Online-Portal „Zeit“ im Sommer 2025 und verwies auf eine Statistik, nach der die Lebenserwartung von Männern in Baden- Württemberg vier Jahre höher liegt als in Sachsen-Anhalt.
Ein Handlungsdruck, der auf dem Gesund- heitssystem lastet und die AOK Sachsen- Anhalt längst vom „Payer zum Player“ werden ließ. Nicht zufällig besteht in Sachsen-Anhalt bereits seit über 20 Jahren ein Hausarztzentriertes Versorgungspro- gramm, an dem 95 Prozent der Hausärzte teilnehmen und das positive Effekte auf die Versorgungssituation hat. Die steuernde Rolle der „Primärärzte“ bleibt unerlässlich. Gleichzeitig sind ihre (zeitlichen) Ressourcen begrenzt, was die Nachfrage nach einer weiteren aufklärenden und navigierenden Rolle im Gesundheitssystem steigert.
Daten und Gestaltungsspielräume nutzen
Die für das Bundesland skizzierten Herausforderungen lassen sich selbst- verständlich auch in den Routinedaten der AOK Sachsen-Anhalt finden. Fokus- siert man hierbei exemplarisch die Herz- Kreislauferkrankungen, so zeigt sich, dass von etwa 156.000 Versicherten, die 2017 bereits an Bluthochdruck erkrankt waren, schon sechs Jahre später 46 Prozent von ihnen eine Folgeerkrankung ausprägten. Ernstzunehmende Zahlen – handelt es sich hierbei auch um Herzinsuffizienz, Nierener- krankungen oder Vorhofflimmern.
Die Ursachen für diese Folgeerkrankun- gen sind häufig lebensstilbedingt und damit beeinflussbar. Für die AOK Sachsen- Anhalt leitet sich daraus der Anspruch ab, dies nicht als unabänderlichen Verlauf zu akzeptieren, sondern Versicherte entspre- chend ihrer jeweiligen Bedarfssituation zu informieren und passgenaue Angebote zu unterbreiten.
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Februar 2026 Klinik Management aktuell – Verbandsnachrichten ▶ DGIV
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Corinna Beutel
Stellv. Vorsitzende des Vorstandes der DGIV, Beauftragte des Vorstandes, Geschäftsbereich Gesundheitsversorgung und Pflege, AOK Sachsen-Anhalt
